Ich habe selbst genuschelt. Die Menschen hatten immer den Eindruck, dass ich hudelig bin, wie man in Österreich sagt, also hektisch und schlampig, und mich nicht ausdrücken kann. Dabei wusste ich genau, was ich sagen wollte. Es kam nur nicht an.
Heute bin ich im ORF zu hören. Und ich arbeite mit Menschen, denen es geht wie mir damals. Sie sagen es so:
„Mir wird immer wieder gesagt, ich soll nicht so nuscheln.“
„Mir hören die Leute nicht zu.“
„Ich wirke nicht kompetent.“
„Ich möchte nicht mehr unterschätzt werden.“
Um die Aussprache allein geht es dabei nie. Hinter jedem dieser Sätze steckt ein anderer Grund, warum jemand deutlicher sprechen will.
Was Nuscheln dich kostet
Ich sehe es im Training jede Woche: Wer undeutlich spricht, hat im Bewerbungsgespräch schlechtere Karten. Führst du ein Team und nuschelst, wird dir deine Kompetenz nicht abgenommen, egal wie gut du bist. Und wer nuschelt, wird als unsicher abgestempelt, manchmal sogar als inkompetent. Wer dagegen klar spricht, überzeugt.
Nuscheln ist keine Eigenschaft, es ist eine Gewohnheit. Und was man sich angewöhnt hat, kann man sich auch wieder abgewöhnen. Ich habe es selbst geschafft.
Das zeigen auch Studien
Recruiter, die Bewerber sprechen hörten statt nur ihren Text zu lesen, hielten dieselben Menschen für intelligenter und kompetenter und wollten sie eher einstellen (Schroeder und Epley, Psychological Science, 2015). Aussagen, die schwerer zu verstehen sind, halten Zuhörer für weniger glaubwürdig, auch wenn der Inhalt derselbe ist (Lev-Ari und Keysar, Journal of Experimental Social Psychology, 2010). Und eine Studie der Universität Jena zeigt, dass Männer beim Sprechen den Kiefer weniger öffnen als Frauen und deshalb häufiger nuscheln (Weirich et al., Journal of Speech, Language, and Hearing Research, 2016).
Dein Inhalt kann noch so gut sein: Wenn man dich nicht versteht, kommt er nicht an.
Was ist Nuscheln?
Nuscheln bedeutet, undeutlich zu sprechen, weil Kiefer, Lippen und Zunge beim Reden zu wenig bewegt werden. Die Laute werden nicht fertig geformt: Endungen fallen weg, Konsonanten verschwimmen, Wörter kleben aneinander. Der Zuhörer muss raten, und irgendwann hört er auf zuzuhören.
Nuscheln ist kein Sprachfehler und keine Krankheit. In der Sprecherziehung heißt das unpräzise oder verwaschene Artikulation. Der medizinische Begriff Dysarthrie meint etwas anderes, nämlich eine Sprechstörung durch eine Erkrankung von Nerven oder Muskeln, und die gehört zum Arzt.
Aus Trainersicht steckt fast immer dasselbe dahinter. Die Sprechwerkzeuge, Lippen, Zunge und Gaumen, sind nicht trainiert. Und es fehlt die Anbindung zum Körper, auch die Körperspannung ist entscheidend. Sprechen ist ein ganz körperlicher Prozess. Genau dieses Körpergefühl fehlt den meisten, die nuscheln.
Warum nuschelt man? Die häufigsten Ursachen für undeutliches Sprechen
- Gewohnheit. Man hat nie gelernt, Laute zu Ende zu formen, und niemand hat es korrigiert.
- Zu kleine Kieferöffnung. Der Mund geht beim Sprechen kaum auf, die Vokale bleiben eng, alles klingt gedämpft. Bei Männern ist das laut der Jenaer Studie besonders häufig.
- Tempo. Wer schneller denkt als spricht, überholt die eigenen Lippen.
- Schüchternheit. Wer nicht auffallen will, macht sich auch akustisch klein und spricht leise und undeutlich.
- Dialekt. Viele Dialekte verschleifen Endungen. Im Dialekt ist das richtig, im Hochdeutschen klingt es nach Nuscheln.
- Wenig Sprechpraxis. Lippen, Zunge und Kiefer sind Muskeln, und die werden schwächer, wenn man sie kaum benutzt. Umgekehrt merken Menschen, die den ganzen Tag sprechen, etwa Lehrkräfte vor 25 Schülern, als Erste, wenn die Deutlichkeit fehlt.
- Fehlendes Körpergefühl. Für mich der wichtigste Punkt: Der Körper macht beim Sprechen nicht mit, es fehlt an Spannung und Aufrichtung.
Ich behandle keine Sprechstörungen. Das ist Logopädie und gehört in andere Hände. Wenn dein Nuscheln plötzlich aufgetreten ist, nach einer Krankheit oder einem Unfall, geh zuerst zum Arzt. Dieser Artikel ist für Menschen, die gesund sind und einfach undeutlich sprechen.
Was du sofort tun kannst
Drei Dinge helfen schon im nächsten Gespräch, ganz ohne Übung:
- Mund weiter öffnen. Für ein „a“ passen zwei Finger hochkant zwischen die Zähne. Wenn nicht, ist der Kiefer zu.
- Tempo raus. Du darfst schnell denken, aber sprich langsamer. Sonst kommen die Lippen nicht hinterher.
- Sätze zu Ende sprechen. Wer nuschelt, wird am Satzende leiser und lässt die letzte Silbe fallen. Dabei steht dort oft das Wichtigste.
Das hilft im Moment, ändert aber nichts an der Gewohnheit. Dafür sind die Übungen da.
8 Übungen gegen Nuscheln
Teil 1: Körper und Stimme wecken
Im Training sage ich oft: Du machst den Körper so geschmeidig, dass die Stimme sich entwickeln kann. Deshalb fangen die Übungen beim Körper an. Danach kommen die Sprechwerkzeuge dran und zum Schluss der Kopf.
Übung 1: Körper abklopfen
Dauer: 2 bis 3 Minuten
- Stell dich hüftbreit hin. Klopfe mit den Fingerspitzen oder der flachen Hand los, locker aus dem Handgelenk, so kräftig, dass du es spürst.
- Von oben nach unten: Kopf und Hinterkopf, Gesicht und Kiefer, Nacken, Schultern, die Arme außen hinunter und innen wieder hinauf.
- Weiter über Brust, Bauch, unteren Rücken, Hüften und Po. Dann die Beine außen hinunter und innen wieder hinauf.
- Beim Brustkorb kannst du dazu ein lockeres „Mmmmh“ tönen. Du spürst, wie die Stimme im Körper vibriert.
- Kurz stehen bleiben und nachspüren.
Übung 2: Gut stehen und Körperspannung
Dauer: 1 Minute
Man hört, wie du stehst.
- Füße hüftbreit, Gewicht auf beiden Füßen, Knie nicht durchgedrückt.
- Stell dir vor, ein Faden zieht dich am Scheitel sanft nach oben. Der Nacken wird lang, das Kinn bleibt waagrecht.
- Schultern einmal hochziehen und fallen lassen. Sie bleiben unten.
- Sprich einen Satz einmal aufrecht und einmal zu entspannt, in dich zusammengesunken. Der Unterschied ist sofort hörbar.
Übung 3: Körper führt, Stimme folgt
Dauer: 2 bis 3 Minuten
Sprich mit den Händen. Die Geste unterstützt die Klarheit und die Artikulation.
- Nimm einen kurzen Text oder erzähl frei, was du heute vorhast.
- Mach zu jedem Satz eine Geste, die zum Inhalt passt, groß und deutlich. Die Hand bewegt sich zuerst, das Wort folgt ihr.
- Probiere den Unterschied: Schnelle, knappe Gesten machen die Sprache knapp und abgehackt. Fließende Bewegungen, etwa eine liegende Acht in der Luft, machen sie weich und rund.
- Dann dieselben Sätze mit den Händen in den Hosentaschen. Hörst du, wie die Deutlichkeit nachlässt?
Atem, Resonanz und die Stimme selbst wärmst du mit den 7 Übungen aus dem Stimmtraining auf. In diesem Artikel geht es um den Schritt danach, die Formung der Laute.
Teil 2: Sprechwerkzeuge trainieren
Dazu ein Merksatz aus dem Sprechtraining: Verstanden wirst du durch Artikulation, geglaubt wirst du durch die Melodie. Die Melodie kommt in einem anderen Artikel dran. Hier geht es ums Verstandenwerden.
Übung 4: Lippenflattern
Dauer: 1 Minute
- Lippen locker aufeinanderlegen, Kiefer weich. Ausatmen, bis die Lippen von selbst flattern, wie ein Pferd, das schnaubt.
- Erst ohne Stimme, dann mit Ton dazu. Den Ton auf und ab gleiten lassen.
- Typischer Fehler: Lippen zu fest zusammenpressen oder zu viel Luft. Dann flattert nichts. Wenn es nicht klappt, mit zwei Fingern die Mundwinkel leicht anheben.
- Fünf Durchgänge.
Übung 5: Gesichtsyoga
Dauer: 2 Minuten
- Mund weit öffnen, drei Finger hochkant zwischen die Zähne, ein langes „Aaa“.
- Dann im Wechsel: breites Grinsen bis zu den Ohren mit „Iii“, spitzer Kussmund mit „Uuu“. Zehnmal, jedes Mal übertrieben.
- Lippen spitzen und damit Kreise in die Luft malen, dann deinen Namen schreiben. Kopf und Kiefer bleiben still.
- Zum Schluss das ganze Gesicht zusammenknautschen, dann weit aufreißen. Dreimal.
Gesichtsyoga formt übrigens auch das Gesicht. In einer kleinen Studie der Northwestern University wirkten Frauen zwischen 40 und 65 nach 20 Wochen Gesichtstraining im Schnitt rund drei Jahre jünger, vor allem die Wangen wurden voller (Alam et al., JAMA Dermatology, 2018). Das erwähne ich im Training gern nebenbei.
Übung 6: Kiefer lockern
Dauer: 2 bis 3 Minuten
Ein fester Kiefer ist der häufigste Grund, warum Vokale nicht aufgehen. Laut der Jenaer Studie besonders bei Männern.
- Reib deine Hände aneinander, sodass sie warm werden. Leg deine gewärmten Hände wie eine Schale um deinen Unterkiefer.
- Den Kiefer in die Hände sinken lassen, der Mund geht leicht auf. Zwei Minuten.
- Mit den Handballen von den Schläfen über die Wangen nach unten streichen. Der Unterkiefer folgt.
- Danach einmal herzhaft gähnen.
Übung 7: Zungentraining
Dauer: 2 Minuten
- Sprich „Pa Pe Pi Po Pu Peu Pei Pau“, erst einzeln, dann schnell hintereinander.
- Leg die Zunge an deinen oberen Gaumen, sodass die Zungenspitze kurz vor deinen Schneidezähnen am oberen Gaumen liegt. Sprich in dieser Position einen kurzen Text und übertreibe, damit man dich trotzdem versteht.
- Zunge lösen, denselben Text normal sprechen. Du wirst merken, wie viel klarer er jetzt kommt.
Wenn du das Sprechen zum Beruf machen willst, findest du die Profi-Variante in meinen Tipps für angehende Sprecher. Und wenn es dir weniger um Deutlichkeit als um Ausdruck geht, um Betonung, Pausen und Tempo, schau dir die 7 Sprechübungen für mehr Ausdruck an.
Teil 3: Kopf
Übung 8: Kenne deine Kernaussage
Dauer: 1 Minute, vor jedem Gespräch
Nuscheln beginnt oft im Kopf. Wer nicht weiß, was er sagen will, kann es auch nicht deutlich sagen.
- Bevor du sprichst, frag dich: Was ist die Kernaussage? Ein Satz, mehr nicht.
- Dann kläre deine Rolle: Warum sprichst du, und zu wem? Ich nenne das den Höreravatar, die eine Person, zu der du sprichst. Mit Tante Erna redest du anders als mit einem Jugendlichen, und das hört man.
- Jetzt sprich. Wer weiß, was er sagen will und zu wem, wird am Satzende nicht mehr leiser.
Wie lange dauert es, bis man deutlicher spricht?
Was ich dir nicht verspreche: dass es in einer Woche erledigt ist. Die meisten merken schon nach den ersten Durchgängen etwas, vor allem an der Spannung. Bis die Veränderung auch unter Druck hält, etwa im Meeting oder am Telefon, braucht es ein paar Wochen. Zehn Minuten am Tag reichen, aber ganz ohne Übung geht es bei Sprecharbeit nicht.
Nimm dich am ersten Tag mit dem Handy auf und nach ein paar Wochen noch einmal. Dann musst du niemandem glauben, auch mir nicht.
Häufige Fragen zum Nuscheln
Was bedeutet Nuscheln?
Nuscheln ist undeutliches Sprechen, bei dem Laute nicht fertig geformt werden: Endungen fallen weg, Konsonanten verschwimmen, Wörter kleben aneinander. Ursache sind meist untrainierte Sprechwerkzeuge (Lippen, Zunge, Kiefer) und fehlende Körperspannung, keine Krankheit.
Was sind die Ursachen für Nuscheln?
Die häufigsten Ursachen sind Gewohnheit, eine zu kleine Kieferöffnung, hohes Sprechtempo, Schüchternheit, Dialekt, wenig Sprechpraxis und ein fehlendes Körpergefühl beim Sprechen. Bei Männern kommt dazu, dass sie den Kiefer beim Sprechen weniger öffnen als Frauen. Nur wenn Nuscheln plötzlich auftritt, etwa nach einer Krankheit, ist eine medizinische Abklärung nötig.
Wie kann ich mir das Nuscheln abgewöhnen?
Nuscheln loswerden funktioniert wie jedes Training, in drei Schritten: Körper wecken (Abklopfen, Aufrichtung, Gesten), Sprechwerkzeuge trainieren (Lippenflattern, Gesichtsyoga, Kiefer lockern, Zungenübungen) und vor dem Sprechen die Kernaussage klären. Etwa zehn Minuten am Tag reichen, entscheidend ist, dass du dranbleibst.
Welche Übungen helfen gegen Nuscheln?
Bewährt haben sich Lippenflattern, Gesichtsyoga (Wechsel zwischen „Iii“ und „Uuu“), das Lockern des Kiefers mit warmen Händen und Zungenübungen wie „Pa Pe Pi Po Pu“ mit der Zunge am Gaumen. Davor gehören Körperabklopfen und eine aufrechte Haltung, sonst fehlt den Übungen das Fundament.
Was tun, wenn man nuschelt?
Zuerst prüfen, ob es neu ist. Plötzliches Nuscheln nach einer Krankheit oder einem Unfall gehört zum Arzt. Ist es eine alte Gewohnheit, helfen drei Dinge: Körper aufrichten und Spannung aufbauen, Kiefer, Lippen und Zunge täglich ein paar Minuten trainieren und vor dem Sprechen wissen, was die Kernaussage ist. Sofort hilft: Mund weiter öffnen, Tempo raus, Sätze zu Ende sprechen.
Was tun gegen undeutliches Sprechen?
Undeutliches Sprechen hat fast immer dieselben Ursachen: zu wenig Kieferöffnung, untrainierte Lippen und Zunge und fehlende Körperspannung. Dagegen helfen Übungen wie Lippenflattern, Gesichtsyoga und Zungentraining, dazu eine aufrechte Haltung. Wer regelmäßig zehn Minuten übt, merkt den Unterschied nach wenigen Wochen.
Ist Nuscheln eine Krankheit?
Nein. Bei gesunden Menschen ist Nuscheln eine Gewohnheit, keine Krankheit und kein Sprachfehler. Es entsteht, weil Kiefer, Lippen und Zunge beim Sprechen zu wenig arbeiten, und lässt sich durch Training ändern. Nur wenn undeutliches Sprechen plötzlich auftritt, etwa nach einem Schlaganfall, steckt eine medizinische Ursache dahinter, die ärztlich abgeklärt werden muss.
Warum nuscheln Männer öfter als Frauen?
Eine Studie der Universität Jena (Weirich et al., 2016) zeigt, dass Frauen beim Sprechen den Kiefer deutlich weiter öffnen als Männer. Beim männlichen Vokaltrakt führt dieselbe Kieferöffnung außerdem zu einer Verengung im Rachen. Nuscheln bei Männern hat also auch anatomische Gründe, nicht nur soziale.
Hilft Sprechtraining gegen Nuscheln oder brauche ich Logopädie?
Bei gesunden Erwachsenen, die aus Gewohnheit undeutlich sprechen, ist Sprechtraining der richtige Weg. Logopädie behandelt Stimm- und Sprechstörungen medizinisch und wird ärztlich verordnet, etwa nach einem Schlaganfall oder bei neurologischen Erkrankungen.
Und wenn du es allein nicht schaffst?
Die meisten wissen nach zwei Wochen, ob sie dranbleiben. Wenn nicht, oder wenn du jemanden brauchst, der hört, was dir selbst nicht auffällt, arbeiten wir im Sprechtraining genau daran. Und wenn du mit deiner Stimme mehr vorhast, Podcast, Hörbuch, Werbung, dann geht es in der Sprecherausbildung weiter.
Zwanzig Minuten am Telefon, kostenlos. Du beschreibst mir, wo es hakt. Ich sage dir, was ich höre und ob ich dir helfen kann. Und wenn nicht, sage ich dir das auch.
Kostenloses Erstgespräch vereinbaren
